18 November 2010, 12:29

Die Adygen

Die Adygen
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Werte Hörerinnen und Hörer, in der Sendereihe über die Bräuche der Völker Russlands erzählen wir Ihnen heute von den Adygen, dem Volk der Republik Adygeja im Bestand  Russlands.

Werte Hörerinnen und Hörer, in der Sendereihe über die Bräuche der Völker Russlands erzählen wir Ihnen heute von den Adygen, dem Volk der Republik Adygeja im Bestand  Russlands.

Die Eigenbezeichnung der Adygen lautet ebenso wie der ihnen nah verwandten Kabardiner und Tscherkessen „Adyge“. Ein großer Teil von ihnen lebt heute in der Republik Adygeja im Nordkaukasus, die ein Subjekt der Russischen Föderation ist.

Viele Nachfahren der Adygen leben auch im Ausland. Allein in den Städten der Türkei sind es über 100 000. Ihre Sprache, die mehrere Stammesdialekte in sich bewahrt hat, gehört zum adygisch-abchasischen Zweig  der westkaukasischen Sprachfamilie.

Die Adygen sind ein sehr altes Volk. Es existiert die Hypothese, dass ihre fernen Vorfahren während der Bronzezeit aus Vorderasien und dem Südkaukasus in die heutigen Siedlungsgebiete gekommen sein sollen. Im 1. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung werden unter den Völkern des Kuban-Gebietes die „Meoty“ (Meoten) genannt, die manche Wissenschaftler traditionell als die direkten Vorfahren der Adygen betrachten.

Die Vorfahren der Adygen erlebten die stürmischen Ereignisse der Großen Völkerwanderung (vom 5. bis 9. Jahrhundert), wobei sie ihre originelle und prägnante Kultur erhielten, die uns in Gestalt  ausdrucksvoller Denkmäler des Altertums überliefert ist, die hauptsächlich im Gebiet südliche des Flusses Kuban, in den Wäldern und dem Gebirgsvorland des Kaukasus und an der Schwarzmeerküste konzentriert ist. Eine ihrer höchsten Errungenschaften, die bis in die Gegenwart existiert, ist die adygische Variante des nordkaukasischen Epos „Narty“.

Die Menschen im Kuban-Gebiet blieben nicht verschont vom Diktat der goldenen Horde und von en Einfällen des mittelasiatischen Emirs Timur, dem sie einen erbitterten Widerstand erwiesen. Die Kunde von ihrer Kühnheit verbreitete sich weit in der so genannten „aufgeklärten Welt“ über die italienischen (genuesischen) Kolonien und die Handelszentren an der Schwarzmeerküste.

Im 16. Jahrhundert wandten sich die „Tscherkessen von jenseits des Kuban“, wie die Adygen genannt wurden, dem russischen zentralisierten Staat zu, und im Jahr 1557 wurden sie russische Untertanen. Allerdings kam die Hilfe von Russland, das im 17. Jahrhundert nicht seine besten Zeiten erlebte,  nicht regelmäßig. Sie war unzureichend und kam nicht immer rechtzeitig. Die adygischen Stämme mussten sich bei der Behauptung ihrer Unabhängigkeit vor allem auf ihre eigenen Kräfte und ihre Hartnäckigkeit verlassen.

Sie wehrten sich gegen die Einfälle der Reiterei von der Krim und gegen die Grausamkeit der türkischen Janitscharen. Bei all dem schafften sie es, ihr  kulturhistorisches Antlitz im Großen und Ganzen zu bewahren. Allmählich gelangten sie jedoch unter den osmanischen Einfluss, was sich in einem Übergang von ihrem heidnischen und christlichen Glauben zum Islam äußerte.

In jener Zeit waren die adygischen Stämme sesshaft, sie widmeten sich hauptsächlich dem Ackerbau und der Viehzucht, darunter vor allem der Pferdezucht. Der türkische Forschungsreisende des 17. Jahrhunderts Evliya Çelebi hat folgende Beschreibung hinterlassen: „Die Pschuko (Siedlungen) stellen Häuser dar, die in Gruppen am Fuße der Berge stehen, inmitten großer Felder und Wälder: vierzig Häuser an einem Ort, zehn Häuser an einem anderen, zwanzig an einem dritten Ort, in denen sich in der Nachbarschaft nahe und entfernte Verwandte niedergelassen haben.  Darum wird aus dicken Balken und Ruten ein von einem Flechtzaun umgebener Hof angelegt, der an eine Festung erinnert …“

Das 18. Jahrhundert war in der Geschichte der  „Bevölkerung jenseits des Kuban“ äußerst schwierig. Der türkische Offizier Osmanbey, Sohn des Wesirs Magomed-Pascha, teilte Folgendes nach Istanbul mit: „… die Tscherkessen sind viel zu unbändig, um sich der Pflicht und dem Brauch unterzuordnen. Diese Verwandlung gab ihnen übrigens einen Begriff, der sich unglücklicherweise bald verwurzelte, - die Idee des Demokratismus. Dieses Gift wird ihnen mit der Zeit den Tod bringen …“

Ende des 18. Jahrhunderts, als die Logik der russisch-türkischen Konfrontation die russische Macht an die Ufer des Kuban brachte,  siedelten sich hier Russen und Ukraine an – die Kosaken. Die Zarenregierung Russlands ging im Zuge der Bewältigung ihrer geopolitischen Aufgaben zu einer gewaltsamen und vollständigen Niederwerfung und „Bändigung“ der  Bewohner der Gebiete jenseits des Kuban über.  Aule und Stanizas, wie die hiesigen Dörfer und Siedlungen hießen, gingen in Flammen auf, Kanonendonner, Pulverstaub erfüllten die Luft. Man sah den Widerschein der Brände. In den jahrhundertealten Wäldern hallten die Marschtritte der Soldaten und das Trampeln der berittenen Trupps beider Seiten wider.

Als dann 1864 der endgültige Sieg Russlands in diesem Krieg verkündet wurde, siedelten Zigtausende der „Menschen von jenseits des Kuban“ in die türkischen Gebiete um.

Der Anschluss an Russland  besaß für die in ihrer Heimat gebliebenen Adygen aber dennoch, objektiv gesehen, eine positive Bedeutung. Damit wurde der ständigen Bedrohung von außen her und den Stammesfehden sowie dem System des Sklavenhandels ein Ende bereitet. Die Adygen wurden in die gesamtrussische Bahn des fortschrittlicheren Wirtschaftssystems einbezogen.

Die allmähliche Einschaltung des Nordkaukasus in das wirtschaftliche, politische und kulturelle Leben Russlands beschleunigte die Herausbildung einer neuen ethnisch-sozialen Gemeinschaft – der Adygen.

Ihre traditionelle Beschäftigung waren der Ackerbau, der Gartenbau, der Weinbau und die Viehzucht. Ihre Heimgewerbe waren das Korbflechten, das Weben, die Herstellung der kaukasischen Filzüberwürfe,  das Gerben von Leder und die Herstellung von Waffen. Verbreitet waren auch der Steinschnitt und die Holzschnitzerei, die Gold- und Silberstickerei. Die traditionellen Niederlassungen bestanden aus einer Anordnung einzelner Gehöfte, in den Ebenen gab es in den Siedlungen dagegen Straßen und Wohnviertel. Die traditionelle Behausung bestand aus einem großen Raum, an den  zusätzlich isolierte Räumlichkeiten mit eigenem Eingang für die verheirateten Söhne angebaut wurden. Die Niederlassung wurde mit einem Flechtzaun umgeben.

Die Adygen trugen eine Kleidung, wie sie für den Nordkaukasus typisch ist. Die Männer trugen ein Hemd, darüber einen „Beschmet“ – das ist ein taillierter Kaftan mit Gürtel, Hosen, eine Baschlik – das ist die kaukasische Wollkapuze, als Oberbekleidung einen Filzüberwurf und eine Papacha - eine hohe Schafsfellmütze. Die Frauen trugen Pluderhosen, dazu ein Hemd und einen eng anliegenden Kaftan, auch lange Kleider mit Silbergürtel und Geschmeide an den Ärmeln. Als Kopfbedeckung dienten ihnen eine hohe Mütze, besetzt mit Silber- oder Goldtresse, oder Kopftücher.

Nach der Revolution von 1917 beschritten die Adygen erstmals in ihrer Geschichte den Weg zu einer eigenen Staatlichkeit. Im Jahr 2002 feierten sie den 80. Jahrestag der Gründung der Adygischen Autonomie und zugleich den 11. Jahrestag der Gründung der Republik Adygeja im Bestand der Russischen Föderation.

Nach den Angaben der Volkszählung des Jahres 2002 leben in Russland etwa 129 000 westliche Tscherkessen – die Adygen.

 

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