30 November 2010, 11:38

Die Karatschaier, die Tscherkessen und die Abasinen

Die Karatschaier, die Tscherkessen und die Abasinen
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Werte Hörerinnen und Hörer, wir setzen die Sendereihe über die Bräuche der Völker Russlands fort. Heute erzählen wir Ihnen von den Karatschaiern, den Tscherkessen und Abasinen – von Völkern, die im Nordkaukasus leben und die indigene Bevölkerung der russischen Teilrepublik Karatschai-Tscherkessien bilden.

Werte Hörerinnen und Hörer, wir setzen die Sendereihe über die Bräuche der Völker Russlands fort. Heute erzählen wir Ihnen von den Karatschaiern, den Tscherkessen und Abasinen – von Völkern, die im Nordkaukasus leben und die indigene Bevölkerung der russischen Teilrepublik Karatschai-Tscherkessien bilden.

Die Karatschaier – ihre Eigenbezeichnung lautet „Karatschajlyla“ – sind eines der indigenen Völker des Nordkaukasus. Sie siedeln in den Gebirgs- und Vorgebirgsregionen von Karatschai-Tscherkessien. In Russland hat dieses Volk etwa 190 000 Angehörige. Nach ihren anthropologischen Merkmalen gehören sie zum Kaukasustyp der balkarisch-kaukasischen Variante der europäiden Rasse. Sie sprechen eine karatschai-balkarische Sprache der Polowez-Kyptschag-Gruppe der Turksprachen. Als Ethnie haben sie sich im  13. bis 14. Jahrhundert herausgebildet. Daran waren Kiptscheken, Bulgaren, Alanen und hiesige Bergstämme beteiligt, die ihren Nachfahren viele Züge ihrer geistigen und materiellen Kultur übergeben haben.

Im 14. bis 16. Jahrhundert waren die Karatschaier den Einfällen von Feudalherren aus der Krim und der Türkei ausgesetzt. Die Bergbewohner suchten Schutz im Bund mit dem Russischen Staat. In der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde das Territorium von Karatschai-Tscherkessien an Russland angeschlossen. In den Jahren 1831 bis 1860 nahmen die Karatschaier aktiv am Unabhängigkeitskampf der nordkaukasischen Völker teil. Nach dem Ende des Kaukasus-Krieges verließen viele von ihnen den Nordkaukasus und siedelten in das Territorium der heutigen Türkei um.

Während des Großen Vaterländischen Krieges, im November 1943, wurden die Karatschaier auf Grund einer Verleumdung, mit den Faschisten zusammengearbeitet zu haben, nach Mittelasien deportiert. Erst 14 Jahre später, im Januar 1957 wurden sie rehabilitiert und konnten in ihre Heimat zurückkehren. 1990 wurde dann die Republik Karatschai-Tscherkessien im Bestand der Russischen Föderation gegründet.

Das jahrhundertelange Leben in den Bergen formte den einmaligen Charakter dieser Menschen. Die Karatschaier leben in Gemeinschaften, die in Klane untergliedert sind. In ihrem Verhalten sind sie sehr unabhängig. Ihre sehr starken, historisch entstandenen Bräuche und Traditionen regeln praktisch alle Aspekte des Lebens: Hochzeiten, Begräbnisse, das Treffen von Entscheidungen in einer Familie. Das jahrhundertealte Gesetz der Karatschaier verlangt, sich den Alten strikt unterzuordnen. Die Beleidigung der Eltern eines Karatschaiers ist für den Betreffenden eine fatale Tat. Auch heute noch sind Fälle bekannt, wo Blutrache verübt wurde.

Die Karatschaier lebten in Häusern mit rechteckigem Grundriss, die aus dicken Baumstämmen errichtet wurden. Für Verteidigungszwecke baute man so genannte „überdeckte Arbasen“. Diese Bauwerke bildeten im Grundriss ein geschlossenes Vieleck, in dem sich der überdeckte Hof - „Arbas“ – befand.

Die Nahrungsgrundlage der Karatschaier waren Produkte aus der Viehzucht. Am beliebtesten war Hammelfleisch. Insbesondere das Fleisch der Karatschai-Schafe, das auch anderswo für seine hohe Geschmacksqualität bekannt ist. Sehr beliebt sind auch aus Milch hergestellte Produkte – insbesondere Airan und Käse.

Die Bekleidung der Frauen wirkte sehr festlich. Im Mittelalter schmückten sie ihre Kleider mit Silberknöpfen, die in zwei Reihen auf den Stoff genäht wurden. Als Kopfbedeckung diente eine hohe, spitz zulaufende Stoffmütze, an deren Spitze Metallschmuck angenäht wurde, manchmal war  es eine Kugel. Die Kleider für festliche Anlässe wurden aus Samt oder Seide genäht und mit Goldstickerei verziert. Der dazugehörige Gürtel – „Kjamar“ - war ein Kunstwerk der Juwelierkunst.

Die Bekleidung der Männer ähnelte denen anderer Bergvölker des Nordkaukasus.

Ein anderes indigenes Volk auf dem Territorium von Karatschai-Tscherkessien sind die Tscherkessen. Ihre Eigenbezeichnung lautet „Adyge“. In Russland hat es mehr als 60 000 angehörige. In Karatschai-Tscherkessien leben mehr als 50 000 Tscherkessen. Sie sprechen den tscherkessischen Dialekt der kabardai-tscherkessischen Sprache des abchasisch-adygischen Zweiges der nordkaukasischen Sprachfamilie. Nach einer Version stammt die Bezeichnung „Tscherkessen“ von dem türkischen Wort „Çerkes“ ab, wie die Adygen von den sie umgebenden Turkvölkern seit dem frühen Mittelalter bis in die Gegenwart genannt werden.

Die Herausbildung des adygischen Volkes war zum Ende des 1. Jahrtausends unserer Zeitrechnung abgeschlossen.

Im 14. Jahrhundert wurden die Tscherkessen im Moskauer Fürstentum als Tscherkassen bezeichnet. Nach dem Ende des Kaukasus-Krieges organisierte das Russische Reich eine vollzählige Aussiedelung der Tscherkessen in die Türkei. Zum Jahresende 1880 wurden 130 000 Tscherkessen gezählt.

Die Hauptbeschäftigung war die Viehzucht auf Weiden. Es wurden Schafe, Ziegen, Pferde und Rinder gehalten. Die Tscherkessen waren zudem Meister des Wein- und Gartenbaus. Was ihre Gewerbe betraf, so waren sie mit der Verarbeitung der Produkte aus der Viehzucht verbunden. Es wurde Tuch gewalkt, und es wurden Filzüberwürfe hergestellt. Das tscherkessische Tuch war bei den Nachbarvölkern besonders geschätzt. Im Süden war die Holzbearbeitung entwickelt. Auch das Schmiedehandwerk und die Waffenherstellung waren verbreitet.

Zur Bekleidung eines Tscherkessen gehörten ein Beschmet, der Tscherkessenrock, Schuhe („Tschewjak“), ein Filzüberwurf und eine Papacha – eine hohe Mütze, die mit Tresse besetzt war, sowie eine Kapuze. Auf dem Tscherkssenrock waren beiderseits an der Brust Patronennester aufgenäht. Die Frauen trugen über ihren Pluderhosen ein langes Hemd aus Nesselstoff oder Mull, das weite Ärmel hatte. Über das Kleid zogen sie einen Beschmet (Kaftan), als Schuhwerk trugen sie weiche absatzlose Schuhe, die mit Tresse besetzt waren. Als Kopfbedeckung diente eine runde Kappe, um die ein weißer Turban aus Mull gewickelt wurde. Die jungen Mädchen trugen bis zu ihrer Hochzeit ein besonderes Korsett, das die Brust einzwängte.

Die Behausung eines Tscherkessen – die „Saklja“ - stand meistens abgelegen. Sie wurde aus einem Geflecht, das mit Lehm beschmiert war, errichtet und mit Stroh gedeckt. Es gab eine Scheune auf Pfählen und einen Stall, die mit einem dichten Staketenzaun ungeben wurden. Eine Saklja hatte mehrere Räume und Fenster ohne Glas. Anstelle eines Ofens wurde auf dem Erdfußboden eine Vertiefung für die Feuerstelle gemacht. Die Einrichtung war sehr schlicht: An den Wänden gab es Regale, kleine Tische. Die Bettstatt wurde mit Filz bedeckt.

Was die Ernährung betrifft, so sind die Tscherkessen sehr anspruchslos. Aus  Weizen wurde Suppe gekocht. Es wurden Hammelfleisch, Milch. Käse, Mais und Hirsebrei gegessen.

Ihrem Glauben nach sind die Tscherkessen sunnitische Muslime.

In der Folklore nehmen Sagen zu allgemein-adygischen Sujets den zentralen Platz ein.

Nun zu einem weiteren indigenen Volk, das in Karatschai-Tscherkessien lebt. Das sind die Abasinen. In Russland sind es etwa 50 000. Auf dem Territorium der Republik Karatschai-Tscherkessien leben mehr als 32 000 Vertreter dieses Volkes. Sie sprechen die abasinische Sprache der abchasisch-adygischen Gruppe der großen nordkaukasischen Sprachfamilie. Ihr Alphabet beruht auf den kyrillischen Schriftzeichen. Die Abasinen stehen vor allem den Abchasen nahe, doch im Unterschied zu ihnen, wurden sie von den Adygen beeinflusst, und in ihrer Kultur gibt es sehr viel weniger abchasische Elemente.

Manche Wissenschaftler meinen, die Vorfahren der Abasinen hätten an der Ostküste des Schwarzen Meere gelebt. An den Nordhängen des Großen Kaukasus sind sie seit dem 14. Jahrhundert bekannt. Nach dem Kaukasus-Krieg haben die meisten Abasinen den Kaukasus verlassen. Ein Teil der Vertreter dieses Volkes wurden in den Ebenen angesiedelt.

Die Abasinen befassten sich vor allem mit der Viehzucht und dem Ackerbau. Unter den Gewerben waren das Schmiedehandwerk sowie die Verarbeitung von Wolle und das Gerben von Leder entwickelt.

Die Abasinen lebten in  Gemeinschaften. Es gab große, aber auch kleine Familien. Die früheste Behausung der Abasinen war ein runder Bau aus geflochtenen Ruten. Es gab ebenso im Grundriss rechteckige Behausungen mit einem Raum oder mit mehreren Räumen, darunter einen speziellen Raum für Gäste – „Kunazkaja“ genannt. Die Wirtschaftsbauten standen in einiger Entfernung vom Wohnhaus.

Die traditionellen Gerichte wurden aus pflanzlichen Produkten, aus Milch- und Fleischprodukten zubereitet. Ein beliebtes Gericht der Abasinen ist eine weiße Sauce mit Hühnerfleisch, gewürzt mit Knoblauch und anderen Gewürzen. Sehr verbreitet ist auch das schwach alkoholische Getränk „Bachsyma“.

Was den Glauben betrifft, so sind die Abasinen sunnitische Muslime.

 

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