Karin Felix: „Das Erdgeschoss. So sieht das aus. Die alten Wände, und die Soldaten haben mit Holzkohle darauf geschrieben. Was sie in den Fingern hatten zum Schreiben. Manche haben mit Stein reingerizt, andere einen Bleistift genommen oder Kohle".
Atmo: Fanfare, Marschmusik
Karin Felix, die seit langer Zeit Besucher durch den Reichstag führt, erzählt mir über die Inschriften der Soldaten der Roten Armee, die sie am Reichstaggebäude am Ende des zweiten Weltkrieges hinterlassen haben. Jeder Buchstabe - eine Geschichte. Eine Geschichte - die Jahrzehnte im Verborgenen blieb.
Karin Felix: „So schwarz waren die Wände. Und zwar sind die so schwarz geworden, weil man das Haus 21 Jahre nach Kriegsende angefangen hat erst umzubauen. Die waren ja in Bonn und da hatten die alles. Und hier in Berlin war alles andere wichtiger, und da sind die Wände auch schwarz geworden. Hier ist die Stelle - schwarz, so sahen alle aus. Vor diesen Wänden rings rum da hat man nach dem Krieg die italienische Hochrenaissance, was störte, dann Gipswände davor gesetzt. Und als wir diese Wände weggeschlagen haben, haben wir die „Nadpisi" entdeckt und die schwarzen Wände. Das war 1995, erst nach der Wiedervereinigung. Dann haben wir die Inschriften gesehen, schwarz auf schwarz und man hat beschlossen die Inschriften als Zeugen der Geschichte zu erhalten.
Eine eindeutig klare Entscheidung. Sage ich. Umso mehr wundert es mich, als Karin Felix sagt:
Karin Felix: „So eindeutig war das nicht. Denn es gab einige im Parlament, die haben gesagt: die wollen das nicht. Das ist halt Demokratie, ja das ist so. Es sind nicht immer alle einer Meinung. Es waren damals 691 Abgeordnete im Parlament und 71 waren dagegen. Aber die große Mehrheit hat gesagt, das bleibt".
Und wir haben heute das Glück diese Spuren der Geschichte vor uns zu sehen. Und das - obwohl Kohle bestimmt nicht am besten haltbar ist. Wie hat man denn dennoch diese Inschriften erhalten? Die Wände wurden ja wie es aussieht, gereinigt...
Karin Felix: „Und die Buchstaben sind konserviert worden. Genauso wie die Soldaten hier geschrieben haben ist eine Schutzschicht drauf gesprüht worden, konserviert und danach hat man mit gepresster Luft die Wände geputzt. Und deswegen kann man die Innschriften so wie sie waren noch lesen".
„Selbstverständlich drängten sich alle zu den Wänden, um zu unterzeichnen, erzählt Kriegsveteran Kabanow. Aus Barnaul, Alma-Ata. Ich bin aus Alma-Ata. Kabanow. Und so habe ich unterzeichnet..."
Will man eine bestimmte Inschrift finden, so fragt man am Besten Karin Felix.
Karin Felix: „Außer mir kennt die Inschriften keiner... so wie ich die kenne. Und da gehen Leute jeden Tag dran vorbei... die können ja nicht erklären, was da steht..."
Auch die... sagen wir mal, extravaganten Inschriften...
Karin Felix: Гитлер в жопе! (Hitler am Arsch) Так вам и надо, суки!
Ich denke mal an dieser Stelle lassen wir die Übersetzung unter den Tisch fallen... Harte Worte und bestimmt von Herzen, die die Soldaten hinterließen.
Karin Felix: «Hier sieht man, dass die Wände so kaputt sind. Das ist der Kern des Hauses. Ziegelsteine. Und dann hat man Natursteine davor gesetzt. Dickes Mauerwerk bekommen, verblendet. Und mit diesem Naturstein da konnte man modellieren. Figuren, Ornamente. Da wäre mit dem Ziegelstein nicht gegangen. Und die Kampfhandlungen, die waren unterschiedlich im Haus. Und gar nicht so wild, wie immer gesagt wurde. Zeitzeugen haben mir gesagt, es möge in die Geschichte eingehen, dass es relativ friedlich zuging.»
Aus der Kindheit und Jugendjahren kennen wir andere Bilder in den sowjetischen Filmen und Büchern über erbitterte Kämpfe Mann gegen Mann. Aber an Karin Felix kann man glauben.
Atmo: Bombenalarm
Schritte
Lärm übergehend in Totenstille
In die Geschichte eingehen wollten wahrscheinlich alle, die vor diesen Wänden standen, und das waren nicht nur Soldaten der Roten Armee, wie die Inschriften bezeugen.
Karin Felix: «Hier hat noch ein Engländer geschrieben. London, 7 September 1945. Aber da war ja auch schon alles geschehen. Wir haben da auch noch drei Inschriften, die haben da aber das Datum gefälscht, die hätten gar nicht da sein können. Aber mein Gott, das waren junge Soldaten, die haben sich dann gedacht: ach: ich war auch da.»
Ich hätte auch sofort unterschrieben. Wie interessant, dass das im Grunde Graffitis sind - mit denen Berlin heute voll ist. Übrigens, wissen Sie, wer mir als erster über die Inschriften erzählt hat? Er sitzt neben mir im Studio, Nikolaj Jolkin. Nikolaj, wie hast du denn von den Graffitis der Vergangenheit erfahren und was hast du gedacht, als du sie gesehen hast?
Jolkin: „Ich habe sie leider nicht gesehen, obwohl lange davon geschwärmt. In einem Buch darüber gelesen und Abbildungen gesehen. Und im vorigen Jahr habe ich auf einem Empfang in Berlin Frau Karin Felix kennengelernt und dachte: da wäre ein Thema für eine Sendung!"
Es gibt natürlich verschiedene Reaktionen seitens der Besucher. Nicht alle sind so hin und weg gerissen, wie wir.
Karin Felix: „Ich hab ja manchmal welche dabei, die sagen: was sind das denn für Schmierereien. Und dann erzähle ich denen die Geschichte und die werden ganz still. Die war nicht schön, die Geschichte."
Ja, die Geschichte, die hinter den Inschriften steckt - war alles andere als schön. Für die, die es bis nach Berlin geschafft haben damals, endete sie aber dennoch vermutlich mit einem Happy End.
Karin Felix: «Слава тебе Советская отчизна! Твои сыны дошли до Берлина! (Ruhm dem sowjetischen Vaterland! Deine Söhne schafften es bis nach Berlin!) Hier das kleine Herz: Мои мечты сбылись. (Meine Wünsche sind in Erfüllung gegangen). Anatoly plus Galina. Hier im Reichstag ist er ja lebend angekommen, aber ob er dann lebend wieder zu Hause angekommen ist, weiß ich nicht.»
Karin Felix: «Aus Priluki hatte ich vor ein paar Jahren acht Leute hier, die als Kinder in ein Weisenhaus gesteckt worden sind und für verwundete deutsche Piloten und Offiziere lebende Blutkonserven waren. Es ist furchtbar. Es sollte alles abgebrannt werden, und ein einheimsicher hat die Scheune abgefackelt. Und das sah dann für das abziehende Deutsche so aus, als ob alles in Flammen aufgegangen wäre. Und die Leute waren dann da. Und da weiß man dann auch nicht, was man sagen soll. Das ist schwer. Da stehen einem doch die Tränen in den Augen.»
Sprüche der Woche
Die Diskussion über die gewaltsame Auflösung der Kundgebung der „Nicht-Einverstandenen" am 31. Mai im Zentrum Moskaus durch die Miliz dauert an. Am 31. Tag jedes Monats geht die Opposition auf den Triumphplatz zur Verteidigung des 31. Artikels der Verfassung Russlands, der das Recht der Bürger festlegt, sich friedlich zu versammeln, Kundgebungen, Demonstrationen und Mahnwachen zu organisieren. Der bekannte russische Filmregisseur Fjodor Bondartschuk bezeichnete die Oppositionellen als Rowdys und Faulenzer und die Milizionäre - als Menschenrechtler.
Der Menschenrechtsbeauftragte in Russland Wladimir Lukin erklärte, dass er Präsident Medwedjew die gesamte Information über den Vorfall vorlegen werde.
«Das Traurigste ist, dass unter diesen Menschen, deren Rechte verletzt wurden, Behinderte und Kriegsveteranen waren. Kein einziger Fall des groben Widerstands und der Gewaltanwendung seitens der Teilnehmer der Kundgebung wurde verzeichnet. Deswegen war die Gewaltanwendung gegen sie rechtswidrig. Die Miliz hat ohne jeglichen Grund Menschen gepackt und sie grob durch den Asphalt gezogen.»
Der Chefredakteur des Radiosenders „Echo Moskwy" Alexej Wenediktow nahm an der Sitzung des Öffentlichen Rats bei der Moskauer Verwaltung für innere Angelegenheiten teil, bei der über diesen Vorfall diskutiert wurde.
«Die Vertreter des Innenministeriums sagten: Da die Kundgebung nicht genehmigt wurde, mussten wir die öffentliche Ordnung aufrechterhalten. Wir haben unsere Dienstregeln befolgt. Darauf sagten wir ihnen: „Moment, aber warum so grausam? Sie antworteten: „Die Demonstranten haben Widerstand geleistet" usw. Geredet wurde nur über den Ausmaß der Gewalt.»
Den „Nichteinverstandenen" wird die Durchführung der Kundgebungen ständig verweigert und zwar unter Berufung darauf, dass gerade für diesen Tag und für diese Zeit andere Veranstaltungen angesetz sind. Bemerkenswert ist, wie schnell kremlorientierte Jugendbewegungen auf Putins Worte reagiert haben, dass Kundgebungen der Opposition nicht abgehalten werden sollen, wo Menschen aufs Land fahren oder dort wo ein Krankenhaus ist. Der Platz im Zentrum Moskaus sieht keineswegs nach einem Platz für Naturliebhaber aus, dafür haben dort junge Aktivisten schnell ein Krankenhaus eingerichtet: Sie begannen Blutspender zu werben. Und das wurde ihnen erlaubt.
Inzwischen hält es Wladimir Putin für voreilig, die Frage über die Verteilung der Pflichten zwischen ihm und Dmitrij Medwedjew nach den Präsidentschaftswahlen 2012 zu lösen. Im Interview erzählte er französischen Journalisten im Vorfeld seines Frankreich-Besuches, dass sich nichts in den Beziehungen zwischen ihnen verändert hätte.
«Wie früher finde ich nichts Peinliches daran, dass ich den Hörer nehme, Medwedjew anrufe und sage: „Hör mal, wollen wir uns darüber beraten, lass uns darüber reden". Wissen Sie, es gibt ja immer den Kampf der Meinungen und Motive. Einige kommen zu mir, einige zu Präsident Medwedjew. Manchmal spüren wir, dass ein bestimmtes Ungleichgewicht droht. Dann treffen wir uns, besprechen das, nehmen eine einheitliche und abgestimmte Entscheidung an und setzten sie um. Dasselbe passiert auch von seiner Seite. Manchmal ruft er mich einfach an und sagt: „Wissen Sie, ich muss auch mit Ihnen reden. Können wir über folgendes Problem nachdenken. Ich möchte Ihre Meinung dazu hören." Warten wir bis 2012 ab, dann schauen wir. Natürlich denken wir mit Präsident Medwedjew schon darüber nach, aber wir haben abgestimmt, dass wir nicht voreilig werden und uns mit diesem Problem nicht ablenken.»
Hierzu ein Kommentar des Politologen Dmitrij Furman für die Zeitung „Nesawissimaja Gaseta":
«Bleibt Medwedjew an der Macht, wird er noch 6 Jahre haben, in denen er Reformen einleiten kann. Diese 6 Jahre können theoretisch gesehen für Russland von großer Bedeutung sein. Jedoch ist es wichtig, dass es diese 6 Jahre geben wird. Wenn Putin zurückkommt, wird der ganzen Medwedjew-Periode ein Strich durch die Rechnung gemacht. Wenn Putin zurückkommt, wird das bedeuten, dass die Macht zu beliebigen Tarnschritten greifen kann, aber in der Tat persönlich und unbegrenzt bleibt.»
Der Verzicht der Woche. Der russische Mathematiker Grigori Perelman, der einzige, dem es gelungen ist, die Poincaré-Vermutung zu beweisen, was die besten Köpfe über 100 Jahre lang versuchten, ist nicht zur Auszeichnung nach Paris gekommen, wo ihm der Preis in Höhe von einer Million Dollar verliehen werden sollte. Er lebt abgeschaltet in einem gewöhnlichen Plattenbau am Stadtrand von Sankt Petersburg und interessiert sich für nichts außer Mathematik. Auch der Preis hat ihn nicht interessiert.
Der Witz der Woche zu diesem Thema. Landsleute haben die Tat Perelmans unterstützt. Auch Fußballspieler des Petersburger FC Zenit haben erklärt: „Für eine Million Dollar wäre niemand von uns auch auf dem Feld erschienen".
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