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LAND UND LEUTE  →  65 Jahre seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges: Warum lässt uns die Vergangenheit nicht los? Videobrücke Moskau-Berlin

30.04.2010, 13:29
65 Jahre seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges: Warum lässt uns die Vergangenheit nicht los? Videobrücke Moskau-Berlin
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Foto: RIA Novosti
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Vor 65 Jahren war der Zweite Weltkrieg zu Ende. Je mehr Zeit vergeht, desto weniger Menschen sind da, die diesen Krieg mitgemacht oder erlebt haben. Die junge Generation in Russland und Deutschland interessiert sich immer weniger für den blutigsten militärischen Konflikt in der Geschichte der Menschheit. Darum ging es bei der Videobrücke Moskau-Berlin, die von der russischen Nachrichtenagentur RIA Novosti organisiert wurde. Bekannte Historiker aus Russland und Deutschland kamen im Laufe der Diskussion zur Schlussfolgerung, dass ein Krieg, der einige Zehnmillionen Opfer gefordert und einen gigantischen materiellen Schaden verursacht hat, nicht vergessen werden darf. Warum lässt uns aber die Vergangenheit nicht los?

„Der Krieg hat in unseren Ländern bei den nachfolgenden Generationen sehr tiefe Wunden hinterlassen. Allzu groß waren die Opfer des Krieges. Sie machen sich auch heute immer von neuem bemerkbar, und zwar nicht nur in Russland, sondern auch in Deutschland", meint der russische Historiker und Germanist Abdulchan Achtamsjan. Laut ihm hat ein bedeutender Teil der Deutschen aus der Geschichte des Zweiten Weltkrieges die richtigen Schlüsse gezogen, vor allem in den östlichen Bundesländern, indem man den Nazismus verurteilte. Die Weltgemeinschaft hat nicht nur die Nazis, sondern auch ganz Deutschland für die Entfesselung des Zweiten Weltkrieges verantwortlich gemacht. Die Stimmung der ersten Nachkriegsjahre lief meines Erachtens in unserem Lande, aber auch in Deutschland auf Eines hinaus: Das darf sich nie wiederholen. Jedoch ist in der letzten Zeit der Trend aufgekommen, bei dem Thema neue Akzente zu setzen. Manchmal grenzt das an eine Geschichtsfälschung. Man erkennt den Versuch, Hitler und Stalin einander gleichzusetzen. Die Absicht liegt auf der Hand: Man will nicht nur Stalin, sondern auch die Sowjetunion für den Krieg verantwortlich machen. Das ist ein unwürdiges Vorhaben. Ein objektives Kriterium für die Beurteilung der Geschichte müssen die Opfer und der Beitrag einzelner Länder zur Vernichtung des Nazismus sein, meint der russische Experte.

Laut Rolf-Dieter Müller, Professor am deutschen Militärgeschichtlichen Forschungsamt, wurden in Deutschland aus der Geschichte wichtige Lehren gezogen, allerdings wird das jetzt ziemlich gleichmütig gesehen. Es werden noch einige Jahre vergehen, und der Zweite Weltkrieg wird der Geschichte angehören gleich dem Ersten, der bereits Vergangenheit geworden ist, meinte er.

Dennoch hat der Krieg laut dem russischen Germanisten Alexej Filitow die nachfolgende Entwicklung und die Zeitgeschichte beeinflusst.

„In den ersten Nachkriegsjahren war bei der Beurteilung des Kriegsausgangs eine Polarität zu beobachten. Hierzulande war und bleibt es der Tag des Sieges, aber die Deutschen empfanden ihn größtenteils als den Tag ihrer Niederlage. Am 21. April 1950 wurde in der Ex-DDR der 9. Mai offiziell zum Tag der Befreiung erklärt. Leider trat dieser Feiertag schon 1967 in den Hintergrund. In der BRD sah die Situation anders aus. Der Tag der Kapitulation wurde als Niederlage, Katastrophe, „Stunde Null" usw. aufgefasst. Als ich 1981 erstmals in die BRD, nach Stuttgart zur internationalen Konferenz kam, die an 40 Jahre seit Kriegsbeginn 1941 anknüpfte, hörte ich erstmals von dem Stuttgarter Oberbürgermeister Manfred Rommel einen Satz, der sich mir eingeprägt hat, nämlich, dass es für die Deutschen ein viel schlimmeres Übel gewesen wäre, diesen Krieg unter Hitler zu gewinnen, als eine Niederlage zu erleiden. Man kann davon eine Brücke schlagen zur bekannten Äußerung des Bundespräsidenten Weizsäcker im Jahre 1985, der 9. Mai sei für die Deutschen ebenfalls ein Befreiungstag. Und ich glaube, dass gerade dieser Umbruch in der Wahrnehmung, der auf der deutschen Seite besonders stark war, viel dazu beigetragen hat, dass in der Sowjetunion und im heutigen Russland die Wiedervereinigung Deutschlands leicht und sogar mit einer gewissen Genugtuung aufgenommen wurde. Das war bereits der Staat, der die historischen Tatsachen zugegeben hatte: dass das Ende des Krieges allen Völkern Europas, insbesondere Deutschland, die Befreiung gebracht hat," sagte abschließend der russische Historiker Alexej Filitow.

Das war natürlich eine Befreiung, betonte Arnd Bauerkämper, Professor am Berliner Kolleg für Vergleichende Geschichte Europas. Und natürlich kann sich keiner den Sieg des Nationalsozialismus vorstellen, nach dem es in Europa ein glückliches Leben gäbe. Aber die Niederlage im Krieg war nicht das Scheitern der hochgestellten Politiker oder der Nationalsozialisten, das war das Scheitern vieler menschlicher Schicksale. Jedes Land soll seine Rolle im Krieg kritisch überprüfen. Heute müssen wir die Frage stellen: Was haben wir vergessen und was dürfen wir nicht vergessen, so Prof. Bauerkämper.

„Es darf nicht in die Vergessenheit gedrängt werden, dass sich die nazistischen Strategen und Ideologen keinesfalls die Befreiung zum Ziel steckten, wenngleich ihr Schlagwort lautete: Befreiung von dem Bolschewismus, " erwiderte seinem Kollegen der russische Historiker Alexej Filitow. „Die Archivalien zeugen davon, dass Hitlers Clique nicht einfach die Eroberung fremder Länder, sondern die Ausrottung ganzer Völker anstrebte, was im Völkerrecht als Genozid eingestuft wurde. Insbesondere galt es, nicht nur die UdSSR, sondern auch die Russen als biologische Art auszurotten. So waren die Ziele im Krieg genau entgegengesetzt, und es wäre unfair zu leugnen, dass gerade die sozialistische Sowjetunion die nazistischen Heerscharen zerschlagen hat",  unterstrich Prof Filitow.

Im Hinblick auf alles oben erwähnte ist es besonders traurig, dass die junge Generation sowohl in Russland als auch in Deutschland kein Interesse an den Lehren aus der Geschichte zeigt, meint Olga Kamentschuk von dem Russischen Meinungsforschungszentrum WZIOM.

„Laut Umfragen kennt nur ein Drittel der Russen das Datum der Schlacht um Stalingrad bzw. der Aufhebung der Leningrader Blockade. Nur die Hälfte kann das genaue Datum des Überfalls von Hitler-Deutschland auf die Sowjetunion nennen. Allerdings gibt es auch eine andere Art Gedächtnis, nämlich das emotionale. Da braucht man keine Umfrage durchzuführen, man braucht nur die Gesichter der Menschen, insbesondere der jungen Menschen zu beobachten, wenn am Mittag die Schweigeminute eingelegt wird. Viele können die Tränen nicht zurückhalten, weil jede Familie von dieser Tragödie betroffen ist. Es gibt immer weniger Veteranen, auch das beeinflusst den Grad der Informiertheit über den Krieg. Bezeichnend ist die Einstellung zu den Militärparaden. 80% der Befragten halten sie für notwendig. Dabei meinen die Senioren, die Paraden seien für die Jugend notwendig, damit sie das Andenken bewahrt. Die Jugend meint ihrerseits, das wäre für die Senioren notwendig, damit sie sich freuen. So kümmert sich jeder um den anderen."

Die Studien haben ergeben, dass das Andenken an den Krieg im Großen und Ganzen aufrechterhalten wird. Allerdings weiß man immer weniger davon. Den Sieg im Großen Vaterländischen Krieg halten die Bürger Russlands für den wichtigsten Sieg in der Geschichte ihres Landes.


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